Schon mehr als ein Jahrzehnt kämpft die EU gegen den Status Quo auf ihrem Gas-Markt. Das russische Erdgas ist böses Erdgas und demokratisches US-Erdgas wäre der EU lieber. Langjährige Verträge mit Gasprom sind schlecht, weil… weil sie langfristige Planungssicherheit und Stabilität für die EU bedeuten? Lieber soll es der freie Markt im Minutentakt richten.

Im letzten Jahrzehnt hat sich die EU einen freien Markt für Erdgas aufgebaut. Es gibt mehrere große Börsen, auf denen gehandelt und spekuliert wird, was das Zeug hält. Überall in der EU wurden Anlagen für die Annahme und Weiterleitung von Flüssiggas eingerichtet – die Leistungsfähigkeit all dieser Anlagen würde es erlauben, sämtlichen Gasimport der EU über Flüssiggas zu decken.

Gasprom wurde mittels EU-Direktiven dazu gezwungen, die langfristigen Verträge mit den EU-Partnern so umzuschreiben, dass die Preisbindung nicht allein an Erdöl gekoppelt ist, sondern auch an die Preise an den EU-Erdgas-Börsen.

Die EU hat Gesetze erlassen und durchgesetzt, nach denen Gasprom die Gasleitungen aus Russland nur zu 50% auslasten darf. Das soll Konkurrenz stärken, bloß kann es keine Konkurrenz geben, weil eine Gasleitung aus Russland nur von Russland befüllt werden kann. Kanada oder Australien können da nun mal kein Gas einleiten, gewisse physikalische Gesetzmäßigkeiten verhindern das.

Was hat die EU davon? Die Gaspreise sind im Sommer 2021 in den Himmel geschossen und haben sich dort verankert. Hin und wieder schießen sie bis in den Kosmos hoch. Seit Monaten hält dieser Zustand schon an. Die Heizperiode hat noch gar nicht begonnen, d.h. die eigentliche Zeit, in der die Preise zu steigen haben, steht der EU noch bevor. Hinzu kommt, dass die Erdgasspeicher der EU nach dem letzten kalten Winter und Frühling immer noch nicht auf den notwendigen Stand gefüllt wurden. Wenn der kommende Winter erneut kalt werden sollte, kann es passieren, dass in der EU das Erdgas physisch knapp wird. Dann darf sich die EU entscheiden, ob sie die Bürger frieren lässt oder die Industrie herunterfährt. Das sind absolute Horrorszenarien, von deren Existenz die meisten EU-Bürger keine Ahnung haben. Die meisten EU-Bürger wissen auch nicht, dass es Erdgasspeicher gibt und wofür sie da sind und was wäre, wenn es sie nicht gäbe.

Jedenfalls sollte das alles kein Problem sein, denn die EU hat ja jetzt einen freien Markt für Erdgas und unfassbar viele Kapazitäten für die Aufnahme von Flüssiggas. Wollten die USA nicht Russland komplett ersetzen? Lang sind diese Versprechen her, bestimmt schon um die vier Jahre.

Es gibt nur ein kleines Problem. Auf dem freien Weltmarkt sind die Preise für Flüssiggas noch höher als die Preise in der EU (die für die EU schon jetzt inakzeptabel hoch sind). Katar, USA und Australien liefern ihr Flüssiggas nach China, Japan und Südkorea, weil die noch mehr zahlen als die EU. So ist er, der freie Markt. Niemand steht bereit, um die Nachfrage der EU nach den Wunschpreisen der EU zu decken.

Und wer ist jetzt schuld an allem? Sie ahnen es – Gasprom. Gasprom erfüllt alle Verträge mit der Zuverlässigkeit eines schweizer Uhrwerks. Aber die EU hat aktuell zu wenig Gas und Gasprom ist schuld. Gasprom könnte doch über seine Verträge hinaus zusätzliches Gas zu Schnäppchenpreisen liefern? Warum tut Gasprom das nicht?

Derweil hat die EU eine neue Gasleitung aus Russland, über die man sicher und auf Jahrzehnte hinaus zu stabilen und planbaren Preisen Erdgas beziehen könnte. Aber die EU selbst tat alles und tut weiter alles, um die Nutzung dieser Gasleitung zu verhindern oder zumindest zu halbieren und den Beginn der Nutzung hinauszuzögern. Man könnte meinen, dass es schizophren ist. Ist es aber nicht. Die EU ist nicht so sehr schizophren, vielmehr ist sie von Feinden unterwandert und agiert nicht im Interesse der EU.

In Großbritannien gibt es erste große Schließungen in der Industrie wegen der hohen Gaspreise. Geschlossene Kohlekraftwerke werden wieder in Betrieb genommen. Ach ja, die Preise für Kohle haben sich in den letzten Monaten mehr als verdoppelt, aber das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu den Preisanstiegen auf dem Gasmarkt.

Die europäische Industrie ist nicht konkurrenzfähig, wenn sie ihr Erdgas auf dem freiem Weltmarkt in freier Konkurrenz zu Ostasien erwerben muss. Kaum ein EU-Bürger hat davon gewusst. Aber die EU sorgt dafür, dass das Wissen darum auf die bösartige Art und Weise vermittelt wird. Über schmerzhafte Erfahrungen, ohne Vorwarnung.

Idioten! – möchte man schreien. Aber nein, das sind keine Idioten. Genau so wurde das gewollt. Unterwandert von Feinden, ist die EU nicht in der Lage, für ihre eigenen Interessen einzustehen.

Vor diesem Hintergrund sieht Merkel wie ein vorbildlicher Patriot aus, denn sie hat gegen die härtesten Widerstände von Innen und Außen die Verlegung der Gasleitung durchgeprügelt, die jetzt zumindest physikalisch die Grundlage bietet, um zumindest Deutschland stabil mit Erdgas zu versorgen. Jetzt muss das “nur noch” juristisch abgesegnet werden. Aber wenn der Arsch physikalisch friert, können Unterschriften schnell gesetzt werden.

Mal sehen, wie viel Arsch Deutschland und die EU abfrieren müssen, bevor Ideologie gegen Pragmatismus eingetauscht wird.

Siehe hierzu auch "Es wird Winter Frau Günter" oder noch besser Thomas Röper mit: Gaspreis kratzt an der Marke von 2.000 Dollar, aber die EU lenkt weiter von den wahren Problemen ab